Bereits seit einigen Tagen, aber heute morgen verstärkt, machten „Completo“-Gerüchte in der Pilgerschaft die Runde. Demzufolge seien offenbar die meisten Herbergen bis nach Burgos zum jetzigen Zeitpunkt bereits ausgebucht. Das hinge unter anderem mit größeren Reisegruppen zusammen, die bereits vieles vorreserviert hätten. Dies führte dazu, dass viele heute bereits recht früh losstiefelten, um sich die Plätze in den nicht vorreservierbaren Herbergen zu sichern. Ich versuchte hingegen, mich nicht verunsichern zu lassen, da die vergangenen Tage gezeigt hatten, dass immer irgendwo noch ein Bett für mich bereitstehen würde.

Kurz vor meinem Aufbruch kam dann ein Pilger zurück in den Schlafsaal und meinte, dass es draußen angefangen habe zu regnen. Nicht gut, aber immerhin gut zu wissen, und so startete ich in voller Regenmontur in die heutige Etappe. Nichtsdestotrotz war ich froh, das Regencape dann nach einem halbstündigen, ausgedehnten Regenguss ablegen zu können, da ich mich darin eher fühlte wie in einer großen Mülltüte.

Ich ließ die ersten Ortschaften in mäßigem Tempo hinter mir, da die Muskeln in meinem Bein noch immer nicht so richtig mitziehen wollten. Nach Villafranca begannen dann die Montes de Oca (Gänseberge), ein ständiges auf und ab durch die matschigen Böden eines Nadelwaldgebirges. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich noch nicht einmal einen Fingerbreit auf der Pilgerkarte zurückgelegt, meine Beine waren schwer und die Motivation sank. Warum war auf dieser Strecke kein Pilgerverpflegungsstand? Gut, es war immerhin Sonnabend und das Wetter auch nicht das Beste, wenngleich es mittlerweile etwas aufgezogen hatte. Ich trottete also so vor mich hin, überlegte Musik zu hören, fand aber nichts in meiner Playlist, was meiner Stimmung entsprach und steckte das Handy wieder weg.

Etwa hundert Meter später hörte ich dann Musik aus der Ferne. Ich bog um die Ecke – und konnte es nicht fassen: Ein lustig-bunt gestalteter Rastplatz, Snacks und Getränke. Ein Mann tänzelte hinter dem improvisierten Tresen zu rhythmischer Swing-Musik und ich dachte: DANKE für diese Erhörung!

Dort angekommen, lief er mir entgegen, bot mir tanzend eine Erdbeere an und füllte meine Wasserflasche. Ich nahm überwältigt und dankend an, und ruhte meine Beine aus zu einer Swing-Version von Billie Jean. Ich war einfach nur glücklich.

Nach einigen Minuten Auftanken, dankte ich ihm und teilte beim Gehen mit, dass er meinen Tag gerettet hatte. Er zuckte lächelnd mit den Schultern, bedankte sich wiederum bei mir und war sich gar nicht bewusst, wie viel Motivation mir das gerade gegeben hatte.

Den Rest des Weges hörte ich das neuentdeckte Album der Swing-Band (s. unten) komplett durch und erreichte so be-swingt und leichtfüßig San Juan.

In der dortigen Herberge, welche in den Gemäuern der Ortskirche und des Klosters untergebracht war, traf ich auf befreundete Pilger und wir verbrachten den Rest des Tages in dem kleinen Örtchen.

PS: Das Rennen um die Herberge war dabei übrigens wie erwartet (zumindest vorerst) unbegründet: als ich eine halbe Stunde nach Öffnung ankam, waren noch genug Betten frei.

Hasta mañana und Gracias für alle bisherigen Spenden!


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