Heute früh startete ich wieder recht zeitig und erreichte zügig den Ort Azofra. Dem schloss sich eine starke Steigung an, die gar kein Ende neben wollte. Doch – 100 Meter vor Ende des Berges stand ein Pappkarton mit der Aufschrift „Cheer up! 100 m further you have the top of the hill. With a fountain, trees and shadow. You have too: cold drinks and snacks“ (Gleich geschafft! In 100 m hast du die Spitze des Hügels erreicht. Dort warten ein Wasserspender, Bäume und Schatten, sowie kalte Getränke und Snacks.)
Und tatsächlich erreichte ich oben einen kleinen Rastplatz, an dem ein freundlicher Spanier allerlei Sachen auf einem Campingtisch gegen Spende anbot. Ich bediente mich am Obst und freute mich sehr, endlich eine schöne Jakobsmuschel für meinen Rucksack gefunden zu haben. Weiter geht’s!
Am Ortseingang von Cirueña angekommen, hatte man die Wahl, alternativ einen Weg über das Örtchen Ciriñuela einzuschlagen, welchem ich folgte. Leider war die Dorfkirche dort verschlossen, aber es ließ sich ein Blick auf den sehr kleinen Friedhof erhaschen, welcher nicht viel größer war als ein Wohnzimmer.
Mit dem weiteren Verlauf des Weges stieg die Sonne zunehmend höher und ich wechselte erstmals in kurze Hosen. Nach einem Stück bergauf ging es dann ins Tal hinab, in dem man von Weitem schon den Kirchturm meines heutigen Zielorts Santo Domingo de la Calzana erspähen konnte. In meinem Kopf summte es in Vorfreude „Santo Domingo…“ nach der Melodie von Roland Kaisers „Santa Maria“.
Im Stadtkern fand ich schnell das alte Zisterzienserkloster, in dessen Mauern ich heute übernachten wollte. Bei Eintritt in das Kloster teilte mir eine Nonne jedoch freundlich mit, dass deren Albergue derzeit geschlossen sei. Geschlossen? Was nun?
Da ich wirklich nicht in der nebenan liegenden Riesen-Herberge mit über 200 Betten unterkommen wollte, beschloss ich kurzerhand, mich noch auf den Weg in das 7 km entfernt liegende Grañon zu machen.
Die Schultern straffend startete ich am Kloster und ignorierte die aufkommende Mittagshitze. Auf der Hälfte der Strecke, welche entlang einer Landstraße führte, bekam ich einen Krampf in der linken Wade. Ich legte eine Rast ein und aß eine kleine Motivations-Schokomaus (danke dafür an Oma & Opa!). Der in der Ferne herausragende Kirchturm und ein kleiner Hund, welcher den Berg vor mir auf und ab rannte, gaben einen weiteren Motivationsschub und so erreichte ich endlich Grañón.
Ich betrat die Iglesia de San Juan Bautista. In der zugehörigen kirchlichen Herberge wurde ich sofort herzlich empfangen. Man zeigte mir den Schlafplatz, in Form eines großen Matratzenlagers auf halber Höhe über dem Geminschaftsraum, und ich wurde in das Konzept der Unterkunft eingeweiht. Diese finanziert sich allein durch Spenden und bietet dafür ein gemeinschaftliches Zusammensein am Abend für die Pilger. Sofort merkte ich, dass ich hier richtig war und war unglaublich dankbar dafür, in Santo Domingo vor verschlossenen Türen gestanden zu haben.
Gemeinsam mit den Mitpilgern starteten wir gegen 18 Uhr mit den Vorbereitungen für das Abendbrot. Das ganze wurde begleitet von fröhlicher Musik und jeder packte mit an: Eine beherzte, ältere Italienerin und ihre Tochter übernahmen sofort das Zepter in der kleinen Küche und begannen mit der Zubereitung von Pasta und Tomatensoße. Einige Männer stellten Tische und rückten Stühle, Servietten wurden gefalten und der Tisch gedeckt. Zusammen mit einigen anderen machte ich mich an die Zubereitung des Salats. Wir schnippelten im Takt Tomaten und gemeinsam mit einer Brasilianerin sang ich zu ABBA mit.
Nach bunt und laut wurde es dann erstmal still, wir waren eingeladen zu einem Gottesdienst mit Abendmahl für Pilger und Einheimische in der kleinen Kapelle.
Im Anschluss wurde fröhlich gegessen, getrunken und sich ausgetauscht. Nach dem Essen bildete sich schnell eine flinke Waschstraße. Ich teilte mir einen Waschtrog mit einem alten Spanier, den ich schon in Sansol kennengelernt hatte. Auch wenn wir noch immer nicht die selbe Sprache sprachen, unterhielten wir uns gut. Teller, Besteck und Handtücher wirbelten durch die Gegend und so war alles im Nu erledigt.
Zum Ende des Abends trafen wir uns in der Kirche und resümierten bei Kerzenlicht, was uns hierher gebracht hatte und was wir uns noch vom Weg versprechen. „In this albergue you don’t get stamps in your credencial del peregrino, we give stamps from heart to heart.“ (In dieser Herberge bekommt ihr keinen Stempel für euren Pilgerausweis, sondern stattdessen Stempel von Herz zu Herz.) Alle umarmten sich zum Abschluss und wünschten sich weiterhin einen guten Weg.
Was bleibt vom heutigen Tag, ist Dankbarkeit. Danke, Gott.
Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, der HERR aber lenkt seine Schritte.
Sprüche 16.9