Um möglichst wenig in praller Sonne laufen zu müssen, startete ich heute bereits eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang. Im Dunkeln tappte ich die „Pilgerautobahn“ in Richtung Carrión de los Condes. An dieser Stelle konnte ich gut nachvollziehen, dass diese extra vor einigen Jahren parallel zur Hauptstraße angelegt worden war, nachdem es dort wohl zu einigen tödlichen Unfällen gekommen war.
Ich durchquerte die Stadt, in der zu dieser Zeit noch wenig Leben war, und verließ diese dann entlang einer Landstraße. Diese stellte den Anfang der nun folgenden, knapp 18 km langen Meseta-Etappe dar.
Ich erinnerte mich an einen Satz, den ich heute morgen in Carrión auf einem Schild gelesen hatte: „Land has got music for those who listen.“ – George Santayana (Die Welt bietet Musik für diejenigen, die zuhören können.) Also begann ich wieder nach Vogelstimmen zu lauschen, die auch heute zahlreich meinen Weg begleiteten. Neben den Vögeln waren jedoch zu meiner Verwunderung an diesem Freitagvormittag auch deutlich mehr Menschen unterwegs, sowohl Pilger als auch spanische Wandergrüppchen.
Während des Laufens fielen mir dabei am Wegrand einige Reihen kleiner, angepflockter Bäumchen auf – hier hatte jemand also angefangen, Schatten zu pflanzen für die Pilger. Und auch, wenn ich heute noch nicht davon profitieren konnte, würden diese Bäume doch in Zukunft ein Segen für alle vorbeikommenden Pilger sein. Ein schöner Gedanke!
Ich legte also Kilometer um Kilometer auf diesem schnurgeraden Weg zurück, wurde immer mal wieder von bekannten Gesichtern eingeholt und freute mich, wenn ich wieder eine im Pilgerführer als „markantes Zeichen“ beschriebene Baumreihe oder Wegkreuzung passiert hatte. Zwischendurch tauchte sogar ein Verpflegungsstand auf, an dem sich bereits einige Pilger tummelten.
Als schließlich die Sonne hoch am Himmel stand, hatte ich nur noch das letzte Drittel vor mir, welches sich mit diesem Ausblick gleich leichter bewältigen ließ.
Insgesamt kann man also sagen, dass dieser lange Meseta-Abschnitt nicht so heiß gegessen wie gekocht wurde. Heiß wird es hier erst dann, wenn die Mittagshitze aufsteigt – dann aber richtig. Ansonsten ließ sich die Landschaft treffend mit dem Satz einer Mitpilgerin beschreiben: „It looks like home in Holland!“ (Hier sieht es aus wie bei uns in Holland)
Die Pilgerherberge lag dann direkt am Ortseingang und öffnete gerade ihre Pforten als ich des Weges kam. So bekam ich als eine der ersten ein Erfrischungsgetränk vom freundlichen Gastgeber spendiert, der sich auch bei allen Ankommenden nach ihrem Wohlergehen erkundigte. Geschafft!
Zum Dinner ging ich fremdessen und traf mich mit befreundeten Pilgern in der Herberge nebenan. So entstand dort eine bunt gemischte Truppe verschiedener Geschichten und Nationen. Ein 72-jähriger Portugiese, der den Weg zum 16. Mal geht, heute 41 km zurückgelegt hat und weil er sich während des Camino immer den Bart wachsen lässt, schon für einen Obdachlosen gehalten wurde. Ein koreanisches Paar Mitte 60, bei dem sie immer für seine Tochter gehalten wird. Die Enkelin des Zeichners, der einst das berühmte Fuchs-Logo einer Rucksackmarke entworfen hatte. Eine Deutsch-Holländerin, die erst zum Dessert dazustieß, weil sie heute an ihrem ersten Pilgertag erst spät gestartet war… Erstaunlich doch, wer und was alles an einen Tisch passt!
Hasta mañana und Gracias für alle bisherigen Spenden!