Heute morgen war die ganze Herberge zwar zeitig wach, aber alle warteten noch auf die aufgehende Sonne bevor sie starteten. So führte mich mein erster Weg in den Garten zu meinem Freund, dem Feigenbaum. Startbereit wurden dann zur Eigenwerbung von den Pilgergrüppchen noch Fotos für den Instagram-Auftritt der Herberge geknipst (wobei 1. ich mein Gesicht an sich für andere Unterkünfte lieber hingehalten hätte und 2. witzigerweise der älteste unserer Dreier-Gruppe der einzige mit Insta-Account war 😅).

Dann starteten wir wie in gestriger Kombi zu dritt. Fürs Frühstück suchten wir uns in der ersten größeren Stadt Arcade eine schöne Café-Bar und verirrten uns dabei nach nebenan in eine Panaderia, deren Duft von selbstgebackenem Brot, Kuchen und allerlei Gebäck uns magisch anzog. Ich entschied mich für ein riesiges Croissant, welches dreimal so groß wie ein normales, und sicherlich 300-400 g (!) schwer war – was ich jedoch erst bemerkte, als ich es schon in den Händen hielt. Ob das wohl an der (in der Auslage zunächst nicht ersichtlichen) reichlichen Füllung mit Vanillepuddingcreme lag? Anstelle der Ernährung einer 3-köpfigen Familie diente es also dann mir als „kleine Wegzehrung“ und ich hatte einen Großteil des Tages daran zu essen. Delicioso!

Mit vollem Magen ging es dann weiter auf schönen Waldwegen und durch kleine Dörfer, inklusive Ausblick auf das Meer in der Ferne. Dabei merkte man deutlich, dass die letzten 100 km bis Santiago angebrochen waren, zahlreiche Shops und Stände versuchten ihr Camino-Merchandise an die Pilger zu bringen, welche auch in deutlich erhöhter Population unterwegs waren (100 km entspricht der Mindestdistanz um am Ende eine Pilger-Urkunde zu erhalten). So schön der Jakobsweg-Aufschwung auch ist, wenn hier am Sonntag Vormittag zum Teil Kinder im Grundschulalters an den Wegen stehen und Armbänder verkaufen, weiß ich nicht, ob ich das noch gut finden soll für deren Taschengeldkasse oder doch schon arg bedenklich.
Der weitere Weg führte an einem ruhigen, kleinen Bach entlang, sodass ich eine Pause einlegte und mich von meinen beiden Wegfreunden verabschiedete, welche bis Santiago einer anderen Route folgen würden. Zwei kurze Regengüsse später erreichte ich Pontevedra, dessen Stadtkern ich bei einem Rundgang näher erkundete. Neben dem Wahrzeichen der Stadt, dem Heiligtum der Virxe Peregrina (Schutzpatronin der Pilgerinnen), entdeckte ich auch die Basilika, die Klosterkirche und die Ruinen des alten Klosters von Santo Domingo sowie den schönen Stadtpark, welcher von hochgewachsenen Palmen gesäumt war.

Das heutige Hostel war unerwarteterweise auch am Abend noch recht leer und schließlich schloss ich mich zum Dinner zwei Mädels aus Italien an. Aus dem eigentlich geplanten landestypischen Pulpo (Oktopus) wurde leider nichts, da sonntäglich nicht nur die Geschäfte, sondern auch viele Restaurants geschlossen hatten. So gab es für uns drei dann Burritos. Wir redeten über Pilgererlebnisse, zu voll gepackte Rucksäcke und sinnlos schwere Gegenstände.
Als ich später mit zwei Mädels aus Österreich beim Zähneputzen zusammen am Waschbecken stand, mussten wir lachen, da ich Mühe hatte, neben den beiden großen Waschtaschen einen Platz für meinen kleinen durchsichtigen Plastik-Zip-Beutel zu finden. Zum Glück trägt jeder sein eigenes Gepäck!
Morgiges Ziel: Tivo, ein Vorort von Caldas de Reis.
Heutige Erkenntnis:
Denn eines Tages fällt dir auf
Es ist wenig, was du wirklich brauchst
Also nimmst du den Ballast und schmeißt ihn weg
Denn es lebt sich besser – so viel besser – mit leichtem Gepäck
PS: Gilt auch für Croissants – nicht zu viel Creme-Füllung! 😉