Aufgrund einiger längerer, reiner Waldkilometer an diesem Morgen und weil quasi der Montag hier in Bezug auf die Öffnung von Verpflegungsmöglichkeiten quasi der Sonntag 2.0 ist, war das allererste offene Café im allerersten Ort also der Place to be für alle frühstückshungrigen Pilger. Also alle. Gleichzeitig.

Auch wenn die Besitzer wirklich strukturiert unterwegs waren, bildeten sich lange Warteschlangen, an deren Ende den Anstehenden wahrscheinlich kaum mehr ersichtlich war, wofür sie eigentlich anstanden. Zudem wusste ich nicht, was ich in dem Moment dramatischer finden sollte: die mehr als 15 Frauen, die vor den Damentoiletten warteten oder die beginnende Schlangenbildung vor der Herrentoilette – wann hatte man je Männer vor der Toilette anstehen sehen?!

Doch es wäre nicht Camino, wenn man nicht auch das mit Humor nehmen würde. So zückte ich die Kamera, rief „Smile Ladies!“ in Richtung der wartenden Damen und hielt den Moment damit für weitere Frauenrechtsbewegungen oder zumindest als schönes Foto fest.

Und auch sonst gab es wieder einige Kuriositäten auf dem Weg: Die Pilgergemeinschaft schien zunehmend kreativer zu werden in Bezug auf die Bewältigung steiler Abstiege. So sah man die Knie-Geplagten reihenweise  rückwärts laufend, also mit Rucksack voran, nach unten gehen oder alternativ in Serpentinen, einer Schar Betrunkener gleichend. Eine Dame zeigte sich besonders unerschrocken den Berg hinunter rennend, da dies wohl für ihre Knie das Beste sei.

Ich ging indes geradezu bergab ohne Schmerzen und spürte in dem Moment einmal mehr, welch unglaublicher Segen es ist, weder „Rücken“, noch „Knie“, noch … zu haben. Mir geht es supergut, bis auf die zwei kleinen bekannten Blasen an den Zehen und meine zunehmend zerlaufenen (und vielleicht ein bisschen zertanzten) Wanderschuhe. Diese Erkenntnis stimmte mich in diesem Moment so unglaublich dankbar, was für ein Geschenk! Gute Besserung an alle verletzten und angeschlagenen Mitpilger!! 🫶🏻

Bei für heute wenig geplanten Kilometern legte ich auf halber Etappe noch einen Umweg ein und besuchte die Kaskaden des Río de Barosa, um deren stufenartige Wasserfälle ein schöner ruhiger Park angelegt worden war.

Der weitere Weg führte dann bei abnehmender Pilgerdichte, aber zunehmend herbstlicheren Temperaturen, entlang weiter Weinhänge und unter den Weinreben hindurch, deren Trauben wie in paradiesischer Vorstellung von oben herabhingen und tatsächlich so gut schmeckten wie sie aussahen.

So erreichte ich am frühen Nachmittag die liebevoll eingerichtete und mit Muscheln und Blumen dekorierte Herberge, in deren Garten eine Reihe kleinerer Tische um einen sonnigen Pool arrangiert waren. Zunächst in der Hängematte baumelnd wagte ich mich dann doch in den Pool, dessen Wasser wärmer als erwartet war. Dies sorgte nicht nur für etwas Beifall, sondern motivierte auch einige Mitpilger, es mir gleichzutun, und so schwammen wir ein paar Ründchen wie die Fische im Glas.

Am Abend freute ich mich auf das Pilgermenü – welches hier aber nicht zeitlich fest für alle geplant war, sondern von jedem einzeln als Bestellung zu beliebiger Uhrzeit aufgegeben werden konnte. Da es mir widerstrebte, alle so einzeln und pärchenweise an ihren Tischen sitzen zu sehen, schlug ich vor, doch zusammen an einen Tisch zu rücken. Ich holte also die Erlaubnis der Herbergseltern zum Tischerücken ein (soll sich in der Vergangenheit bewährt haben😉) und quatschte alle Alleinsitzenden an. So bildete sich ein bunt gemischter Gruppentisch mit immerhin 7 Menschen, denen nach mehr Camino-Gemeinschaft zumute war.

Ein 75-jähriger Niederländer erzählte von den 17.000 Jakobsweg-Kilometern, die er in seinem Leben bereits gepilgert war, sein Sitznachbar hatte auf dem Camino die große Liebe gefunden und einer polnischen Mitpilgerin war heute unterwegs ein Physiotherapeut begegnet, der ihre schmerzenden Füße massiert habe. Es wurde ein schöner Abend mit wirklich gutem und reichlichem Essen, Wein und Gesprächen, solange bis es auch dem Letzten bei untergehender Sonne zu kalt geworden war.

Morgiges Ziel: Kloster Herbón (wie der ein oder andere vielleicht gemerkt hat, versuche ich zunehmend die anonymen Viel-Bett-Herbergen der größeren Städte zu meiden und stattdessen nach kleinen familiären Herbergen Ausschau zu halten)

Heutige Erkenntnis: als Menschen näher zusammenrücken – auf dem Camino wie auch im Leben! (Anmerkung der Redaktion: nur vielleicht nicht gerade in der Klo-Warteschlange 😅)