Punkt 6.45 Uhr ging das Licht an und es schallte „Olá, buenos dias!!“ durch den Gang aus aneinandergereihten 2er-Parzellen. Also hieß es, schnell einen Badplatz zu ergattern und dann ab zum Frühstück! Schnell ein paar Tostadas con mermelada auf die Hand und einen Kaffee und dann ging es auch schon los auf die letzten knapp 28 Kilometer bis Santiago.


Wie starteten noch im Dunkeln und ließen die aufgehende Sonne in unserem Rücken zügig hinter uns. Wie es sich so ergab, wurde unsere buntgewürfelte, kleine Gruppe, die sich so erst gestern im Kloster gefunden hatte, im Verlauf immer größer, da sich unterwegs noch weitere Bekannte dazugesellten.

So rauschten wir am Ende zu 9. durch die Straßen. Ja, tatsächlich legten die Gruppenersten ein ganz schönes Tempo vor und wir kamen in großen Schritten schwitzend voran. Als alles nach Pause hechelte, bog die Camino-Family (oder wie andere meinten „Camino-Army“) ins nächste Lokal ab, um für die letzen knapp 8,5 km nochmal Kraft zu tanken.
Gestärkt „marschierten“ wir dann gegen 4 in Santiago de Compostela ein und erreichten die Kathedrale mit ihrer beeindruckenden Fassade und den vielen, vielen Pilgern, die schon vor uns angekommen waren. Gratulationen, Fotos, einige Tränen, Wiedersehen mit anderen Camino-Bekanntschaften, erste Verabschiedungen – und dann natürlich die Compostela im Pilgerbüro unter Vorlage des gefüllten Pilgerausweises abholen!

Meine Füße fühlten sich indes um jeden Extra-Meter betrogen, den sie weiter als bis zur Kathedrale laufen mussten, und so ließen wir uns dann für das zweite Bier des Tages endlich in einer Bar am Hauptplatz nieder.
Um 19.30 Uhr besuchten wir die Pilger-Messe in der großen Kathedrale, welche so übergut besucht war, dass wir mit zumindest 20 Minuten Vorlauf auf dem Steinfußboden im Schneidersitz zum sitzen kamen. Wie erwartet waren die Messe und die Predigt in Spanisch gehalten. Ich verstand zumindest die Worte „Camino“, „Peregrino“ und „Jesuchristo“, leider ohne dem Gesamtkontext folgen zu können, und ärgerte mich selbst über meine mangelnden Spanischkenntnisse. Am Ende folgten zwei kurze Sätze in Englisch, die ich aber bei rauschendem Mikrofon ebenfalls kaum verstand.
Schon von der Messe vor zwei Jahren wusste ich, dass dem noch das Highlight folgen sollte, das Schwingen des zentnerschweren Weihrauchskessels, von dem es galt, eine möglichst gute Handyaufnahme unter Umgehung aller menschlichen Höflichkeitsvorschriften zu ergattern. Mir kamen erneut in negativer Überwältigung die Tränen, aber zumindest gelang es mir diesmal bis zum Ende in der Kathedrale zu bleiben. Einige der Umstehenden schienen aber auch positiv ergriffen (mutmaßlich).
So konnte ich mich mit mir selbst im Frieden einigen, dass es sicher zumindest einige Menschen hier gab, denen Gottes Wesen so näher gebracht werden konnte. Ob in einer mit buntgemischten Menschen übervollen Kathedrale eine verständliche, zumindest schriftlich übersetzte, lebensnahe Predigt einen durchschlagenderen Effekt bei der nach Erfüllung suchenden Pilgerschaft haben könnte, bleibt am Ende jedem selbst überlassen.

Das abgehakt galt es, zeitnah in unseren meist einige Kilometer außerhalb des Stadtzentrums gelegenen Hostels einzuchecken, zu duschen und dann ging’s wieder los zum Feiern unserer Ankunft in Santiago.
Zur Freude eines Metal-Pärchens unserer Gruppe, die auch selbst Teil einer Rock-Band sind, war unsere erste Anlaufstelle eine urige Rockkneipe. Ich stellte mal wieder fest, wie viel Spartenwissen ich durchaus nicht besaß. Weiter ging es auf Gruppenwunsch in eine Karaoke-Bar, in der sich aber hauptsächlich die spanische Jugend eingefunden hatte, wie wir erst nach Bezahlen des Eintritts bemerkten. Je mehr ich mich jedoch anfreunden konnte mit den spanisch-fröhlichen Partysongs, umso größer wurde die Frustration seitens der eingefleischten Rock-Fans, die mit der spanischen Schlagerparty der 15-jährigen Jugendlichen (die aufgrund des Alkoholausschanks wahrscheinlich alle aber doch schon 18 waren) herzlich wenig anfangen konnten. So wurde die Karaoke-Playlist schnell um Guns N‘ Roses und mir unbekannte weitere Rock-Größen erweitert und damit der Spieß umgedreht: nun waren die Metal-Fans in voller Partylaune und die Teenie-Runde musste sich in den neuen Stil einfinden. Es wurde ein lustiger Abend mit kontrastreicher Party-Playlist, bei der am Ende für jeden etwas dabei war und man sich zusammen auf der Tanzfläche und am Mikrofon wiederfand. Musik verbindet – irgendwie – und am Ende trifft man sich – irgendwo in der Mitte.
Gegen halb 3 erreichten wir müde aber erfüllt wieder unser Hostel.
Der Tag danach
An das Aufstehen um 6.45 Uhr war ich ja nun gewöhnt, ebenso wie das Laufen, und so legte ich am nächsten Morgen die 2,5 km zur deutschen Pilgermesse zu Fuß zurück. Die Messe wird täglich für die aktiv-dessem-nachgoogelnden Pilger in einer kleineren Kapelle in Santiago angeboten. Da es am heutigen Tag offensichtlich nicht so viele diesbezüglich informierte Pilger gab, waren wir nur zu zweit (😅) dort anwesend, begleitet von einem Pastor und 3 Freiwilligen. Es gab eine Predigt, jeder stellte sich kurz vor und wir tauschten uns über den Weg aus und die Menschen, die diesen begleitet hatten.
So bildete dieser Gottesdienst einen versöhnlichen und friedlichen Abschluss eines tollen Camino mit vielen Erlebnissen, den verschiedensten liebgewonnenen Menschen, Hürden und deren Bewältigung. Und das alles unter dem Segen und der Begleitung eines unvorstellbar großen und gnädigen Gottes.
In diesem Sinne auch ein großes Danke an euch alle, die ihr das aus der Ferne mitverfolgt habt und für die vielen lieben Nachrichten, die ich bekommen hab 🫶🏻 Bleibt behütet und Buen Camino auch für euren (Lebens-)Weg!
